Säule · Testosteron
Shilajit: Wirkung auf Testosteron, Energie und was Studien zeigen
Shilajit ist ein mineralisches Harz aus dem Himalaya, das in der Ayurveda-Medizin seit Jahrhunderten als „Rasayana“ gilt — und auf Social Media gerade als natürlicher Testosteron-Booster gehandelt wird. Was die spärliche, aber echte Studienlage hergibt, und warum die Reinheit des Produkts über Nutzen oder Risiko entscheidet.
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Kurzbefund
Shilajit ist ein mineralisch-organisches Harz, das aus Felsspalten im Himalaya und anderen Hochgebirgen austritt und in der Ayurveda-Medizin traditionell als Vitalstoff („Rasayana“) gilt. Die bislang einzige placebokontrollierte Humanstudie (90 Tage, gereinigtes Shilajit, gesunde Männer 45–55 Jahre) zeigt einen signifikanten Anstieg von Gesamt- und freiem Testosteron sowie DHEAS gegenüber Placebo — bei unveränderten LH/FSH-Werten, also ohne erkennbaren Eingriff in die übergeordnete Hormonachse. Zwei weitere kontrollierte Studien deuten auf einen Nutzen bei Muskelermüdung und körperlicher Leistungsfähigkeit hin. Der entscheidende Risikofaktor ist die Reinheit: Rohes, unbehandeltes Shilajit kann relevante Mengen an Schwermetallen (Blei, Arsen, Quecksilber, Cadmium) enthalten — nur gereinigte, laborgeprüfte Produkte sind empfehlenswert.
Kaum ein Nahrungsergänzungsmittel hat in den letzten zwei Jahren einen solchen Hype erlebt wie Shilajit — getrieben von Fitness-Influencern, die es als „natürliches Testosteron“ bewerben. Anders als bei vielen Trend-Supplements gibt es hier tatsächlich eine kontrollierte Humanstudie mit einem positiven Ergebnis. Dieser Beitrag ordnet ein, was sie zeigt, was noch fehlt — und worauf es bei der Auswahl ankommt, damit aus dem Vitalstoff kein Schwermetall-Risiko wird.
Was ist Shilajit?
Shilajit (auch Mumijo, Mumie oder Moomiyo genannt) ist kein Kraut und kein Pilz, sondern ein mineralisch-organisches Harz, das im Sommer aus Felsspalten in großen Höhenlagen austritt — vor allem im Himalaya, aber auch im Kaukasus und Altai-Gebirge. Es entsteht über sehr lange Zeiträume aus komprimierter Pflanzenmasse, die unter dem Druck des Gesteins zersetzt wird, angereichert mit Mineralien aus dem umgebenden Fels. In der Ayurveda-Medizin gilt es seit Jahrhunderten als „Rasayana“ — ein Vitalstoff, der Alterungsprozessen entgegenwirken und die Lebenskraft stärken soll.
Chemisch besteht Shilajit vor allem aus Huminsäuren und Fulvosäuren — Abbauprodukten organischer Substanz, die als Trägerstoffe für Mineralien wirken — sowie aus Dibenzo-α-pyronen, einer Gruppe pflanzlicher Verbindungen, denen ein Großteil der pharmakologisch untersuchten Effekte zugeschrieben wird (Stohs, 2014). Im Handel ist reines Rohharz ebenso erhältlich wie standardisierte, laborgereinigte Extrakte in Kapsel- oder Harzform — ein Unterschied, der für Sicherheit und Wirksamkeit entscheidend ist (dazu weiter unten mehr).
Die Testosteron-Studie im Detail
Die zentrale Referenz für den „Testosteron-Booster“-Ruf von Shilajit ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie aus Indien (Pandit et al., 2016). Gesunde Männer im Alter von 45 bis 55 Jahren nahmen über 90 Tage zweimal täglich 250 mg gereinigtes Shilajit oder ein Placebo ein. Ergebnis: Gegenüber Placebo stiegen Gesamttestosteron, freies Testosteron und DHEAS (eine Vorstufe von Testosteron) statistisch signifikant an. Bemerkenswert: LH und FSH — die übergeordneten Hormone der Hirnanhangsdrüse, die die Hodenfunktion steuern — blieben stabil. Das spricht dafür, dass Shilajit eher die körpereigene Hormonsynthese unterstützt, statt sie über einen Rückkopplungs-Umweg zu erzwingen.
Das ist ein ernstzunehmendes, aber einzelnes Ergebnis. Bislang existiert keine zweite unabhängige placebokontrollierte Studie, die den Effekt bestätigt oder widerlegt — und die publizierte Zusammenfassung nennt keine konkreten Prozentwerte für den Anstieg, sondern nur die statistische Signifikanz. Für eine Substanz, die bereits massenhaft als Testosteron-Ersatz beworben wird, ist das eine schmale Evidenzbasis. Sie reicht für ein vorsichtig positives Signal — nicht für ein Versprechen.
Shilajit — Evidenz im Überblick
- Testosteron/DHEAS-Anstieg (RCT, 90 Tage, gereinigtes Shilajit)gemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Einzige placebokontrollierte Humanstudie; signifikant, aber unrepliziert, kleine Stichprobe.
- Reduzierter Kraftverlust bei Ermüdung (RCT, 8 Wochen)gemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Nur in der Hochdosis-Gruppe (500 mg/Tag) signifikant gegenüber Placebo, nicht bei 250 mg/Tag.
- Muskelkraft, Ausdauer, Griffstärke (offene Pilotstudie, 28 Tage)dünne EvidenzEvidenz: dünn
Deutliche Verbesserungen, aber ohne Placebo-Kontrolle — Erwartungseffekt nicht auszuschließen.
- Antioxidative, entzündungshemmende Eigenschaftengemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Breite Evidenz aus Zell- und Tierstudien, humane Belege begrenzt.
- Schwermetallbelastung bei unzureichend gereinigten Produktenstarke EvidenzEvidenz: belastbar
In einem Teil untersuchter Proben lagen Werte über den WHO-/FDA-Grenzwerten für pflanzliche Arzneimittel.
Energie, Ermüdung, Muskelkraft
Neben Testosteron ist der zweite große Werbeversprechen-Strang „mehr Energie, weniger Erschöpfung“. Hier gibt es tatsächlich zwei kontrollierte Studien mit Sportbezug, wenn auch beide klein und kurz.
In einer randomisierten Studie an 63 sportlich aktiven jungen Männern (Keller et al., 2019) nahmen die Teilnehmer über 8 Wochen entweder 250 mg, 500 mg Shilajit oder Placebo täglich ein. Nach einem ermüdenden Krafttest sank die Maximalkraft in der Hochdosis-Gruppe im Schnitt nur um 8,9 % — gegenüber 17,0 % in der Niedrigdosis- und 16,0 % in der Placebogruppe. Die niedrige Dosis unterschied sich dagegen nicht von Placebo — ein Hinweis, dass es auf die Menge ankommt.
Eine neuere, offene Pilotstudie an 25 gesunden Männern (Yadav et al., 2026) testete 500 mg Shilajit-Harz täglich über 28 Tage und maß deutliche Verbesserungen bei Beinpresse-Maximalkraft (+12,9 %), Muskelausdauer (+12,3 %) und Griffstärke (+5,7 %) — alle statistisch signifikant. Der Haken: Es gab keine Placebogruppe, sodass ein Teil des Effekts allein auf Erwartung und Trainingsgewöhnung zurückgehen kann. Ältere Übersichtsarbeiten beschreiben zudem tierexperimentell und in ersten Humandaten eine gesteigerte ATP-Produktion in den Mitochondrien als möglichen Wirkmechanismus für das „weniger müde“-Gefühl (Stohs, 2014).
Schwermetalle: das eigentliche Risiko
Der wichtigste Sicherheitsaspekt bei Shilajit hat nichts mit Nebenwirkungen im klassischen Sinn zu tun, sondern mit der Produktqualität. Weil Shilajit ein Gesteinsauslauf ist, nimmt es je nach Fundort auch Schwermetalle aus dem umgebenden Fels auf. Eine umfassende Auswertung der verfügbaren Analysedaten (Hussain & Saeed, 2024) fand in Shilajit-Proben Spuren von bis zu 65 verschiedenen Metallen, darunter die toxikologisch relevanten Blei, Arsen, Cadmium und Quecksilber. Die in Shilajit enthaltenen Huminsäuren binden einen Teil dieser Metalle und mindern dadurch ihre Aufnahme im Körper — in den meisten untersuchten Proben lagen die Werte unterhalb der von WHO und FDA für pflanzliche Arzneimittel festgelegten Grenzwerte. In einigen Proben wurden diese Grenzwerte jedoch überschritten.
Praktisch heißt das: Die Qualität schwankt stark zwischen Anbietern und Chargen. Ein Rohharz vom Wochenmarkt oder aus nicht rückverfolgbaren Online-Quellen ist ein anderes Risiko als ein standardisiertes, auf Schwermetalle geprüftes Produkt mit Analysezertifikat (Certificate of Analysis). Genau dieser Unterschied — „purified“/gereinigtes Shilajit — wurde auch in der Testosteron-Studie verwendet, nicht rohes Harz.
Weitere Vorsichtshinweise
- In seltenen Fällen wurden allergische Hautreaktionen und leichte Magen-Darm-Beschwerden berichtet.
- Bei bestehender Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) oder Gicht ist Vorsicht geboten, da Shilajit unter anderem Eisen und Harnsäure-relevante Verbindungen enthalten kann.
- Für Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor — hier gilt: nicht einnehmen.
Dosierung und Auswahl
In den bislang veröffentlichten Humanstudien lagen die verwendeten Mengen zwischen 250 und 500 mg pro Tag eines gereinigten Extrakts oder Harzes, meist aufgeteilt auf zwei Einnahmen. Höhere, nicht untersuchte Dosen bringen keinen belegten Zusatznutzen, aber ein höheres theoretisches Risiko für Schwermetallbelastung.
Worauf bei der Auswahl zu achten ist:
- „Purified“ / gereinigt statt Rohharz — idealerweise mit ausgewiesenem Herstellungsprozess.
- Unabhängiges Analysezertifikat (CoA) für Schwermetalle (Blei, Arsen, Cadmium, Quecksilber), nicht nur Werbeaussagen des Herstellers.
- Standardisierter Fulvosäure-Gehalt als grobes Qualitätsmerkmal, auch wenn er allein nichts über die Wirkung aussagt.
- Zurückhaltung bei sehr günstigen Angeboten aus nicht rückverfolgbaren Quellen — genau hier häufen sich in Analysen die Grenzwertüberschreitungen.
Für wen es sich lohnen kann
Shilajit ist kein Ersatz für eine ärztliche Abklärung bei Verdacht auf Testosteronmangel — die einzige Humanstudie zeigt einen Effekt bei gesunden Männern, nicht bei nachgewiesenem Hypogonadismus. Wer nach dem AMS-Selbsttest eine relevante Symptomlast hat, sollte zunächst den Weg über Blutwerte und ärztliche Diagnostik gehen, statt auf ein Nahrungsergänzungsmittel zu setzen.
Realistisch einordnen lässt sich Shilajit am ehesten als ein experimentell untersuchter, aber noch dünn belegter Zusatzbaustein — interessant für gesunde Männer über 40, die gezielt in Ergänzung zu Training und Ernährung testen möchten, mit realistischen Erwartungen und ausschließlich in geprüfter, gereinigter Form. Ein Wundermittel ist es nach aktueller Studienlage nicht.
Mitnehmen
- 01Die einzige placebokontrollierte Humanstudie zeigt einen signifikanten Testosteron-/DHEAS-Anstieg unter gereinigtem Shilajit — bei stabilen LH/FSH-Werten.
- 02Zwei kleinere Studien deuten auf einen Nutzen bei Muskelermüdung und Kraftausdauer hin, sind aber klein, kurz und teils unkontrolliert.
- 03Das größte reale Risiko ist keine klassische Nebenwirkung, sondern Schwermetallbelastung bei unzureichend gereinigten Rohprodukten.
- 04Nur „purified“-Produkte mit unabhängigem Analysezertifikat verwenden — Dosen von 250–500 mg/Tag entsprechen der Studienlage.
- 05Kein Ersatz für ärztliche Diagnostik bei Verdacht auf Testosteronmangel.
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Belege & Studien
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- 01Pandit S et al. Clinical evaluation of purified Shilajit on testosterone levels in healthy volunteers. Andrologia. 2016. PubMed ↗
- 02Stohs SJ. Safety and efficacy of shilajit (mumie, moomiyo). Phytother Res. 2014. PubMed ↗
- 03Hussain A, Saeed A. Hazardous or Advantageous: Uncovering the Roles of Heavy Metals and Humic Substances in Shilajit. Biol Trace Elem Res. 2024. PubMed ↗
- 04Keller JL et al. The effects of Shilajit supplementation on fatigue-induced decreases in muscular strength and serum hydroxyproline levels. J Int Soc Sports Nutr. 2019. PubMed ↗
- 05Yadav D et al. Safety and Efficacy of TruBlk™ Shilajit Resin Supplementation on Physical Performance and Blood Biomarkers in Healthy Adults. Cureus. 2026. PubMed ↗