Säule · Blutdruck
Medikamente absetzen (Deprescribing): wann weniger mehr ist
Mit den Jahren summieren sich Medikamente — oft ohne dass jemand die Gesamtliste im Blick behält. Deprescribing ist das strukturierte, ärztlich begleitete Absetzen von Mitteln, deren Risiko den Nutzen überwiegt. Was das heißt und wie es abläuft.
Kurzbefund
Polypharmazie — die dauerhafte Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten — betrifft einen großen Teil der über 65-Jährigen. Jedes zusätzliche Mittel erhöht das Risiko für Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Stürze und Krankenhauseinweisungen. Deprescribing ist der geplante, ärztlich begleitete Prozess, Medikamente zu reduzieren oder abzusetzen, deren Nutzen für die betreffende Person nicht mehr überwiegt — etwa Schlaf- und Beruhigungsmittel, überflüssige Säureblocker, doppelte Blutdruckmittel bei inzwischen niedrigem Druck, oder Präventionsmedikamente bei sehr begrenzter Lebenserwartung. Studien zeigen, dass strukturiertes Deprescribing bei älteren Menschen sicher möglich ist und die Sterblichkeit nicht erhöht. Entscheidend: Es läuft immer über die Hausärztin oder den Hausarzt, mit einem Plan, schrittweisem Ausschleichen und Verlaufskontrolle — niemals im Alleingang.
Viele Menschen ab 65 nehmen morgens eine Handvoll Tabletten, von denen einige vor Jahren aus einem Grund verordnet wurden, den es so nicht mehr gibt. „Deprescribing“ ist der Fachbegriff für das kontrollierte Aufräumen dieser Liste. Dieser Beitrag erklärt, wann es sinnvoll ist und wie es abläuft.
Warum sich Medikamente anhäufen
Medikamentenlisten wachsen fast von allein: Jede neue Beschwerde, jeder Facharztbesuch, jeder Klinikaufenthalt kann ein Mittel hinzufügen — aber nur selten schaut jemand systematisch, ob etwas weg kann. Man nennt das „prescribing cascade“: Die Nebenwirkung eines Medikaments wird als neue Krankheit gedeutet und mit einem weiteren Medikament behandelt.
Ab fünf Dauermedikamenten (Polypharmazie) steigen Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Verwirrtheit, Stürze und Krankenhauseinweisungen messbar. Im Alter kommt hinzu, dass Leber und Nieren Wirkstoffe langsamer abbauen — Dosierungen, die mit 50 passten, können mit 80 zu hoch sein. Listen wie die PRISCUS-Liste nennen Wirkstoffe, die für ältere Menschen als ungeeignet gelten (z. B. bestimmte Schlafmittel, ältere Antidepressiva, manche Schmerz- und Herzmittel).
Wo liegt dein Wert?
Blutdruck-Kategorien in mmHg nach den europäischen Leitlinien (ESC/ESH). Es reicht schon ein Wert im höheren Bereich, um in diese Kategorie zu fallen.
Optimal
sys < 120
dia < 80
Normal
sys 120–129
dia 80–84
Hochnormal
sys 130–139
dia 85–89
Hypertonie 1
sys 140–159
dia 90–99
Grad 2 +
sys ≥ 160
dia ≥ 100
Maßgeblich sind mehrere Messungen in Ruhe, am besten zu Hause über eine Woche gemittelt. Einzelne hohe Werte in der Praxis („Weißkitteleffekt“) sind noch keine Diagnose.
Was sich oft reduzieren lässt
Typische Kandidaten für ein Deprescribing-Gespräch — immer individuell zu prüfen:
- Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine, „Z-Substanzen“): oft jahrelang genommen, mit hohem Sturz- und Verwirrtheitsrisiko im Alter. Ausschleichen über Wochen, begleitet von Schlafhygiene — siehe Schlafstörungen: was hilft.
- Säureblocker (PPI) ohne fortbestehende Indikation — siehe Säureblocker absetzen.
- Blutdruckmittel, wenn der Druck unter der Kombination inzwischen niedrig ist und Schwindel oder Stürze auftreten — dann kann ein Mittel reduziert werden (nach Messung, nicht nach Gefühl).
- Blutzuckersenker mit strengem Zielwert bei sehr betagten Menschen: hier ist ein etwas höherer HbA1c oft sicherer als Unterzuckerungen.
- Präventionsmedikamente (z. B. LDL senken. Am besten untersuchte Herz-Kreislauf-Wirkstoffe: pro 1 mmol/l LDL-S…">Statine, Bisphosphonate) bei sehr begrenzter Lebenserwartung, wo der vorbeugende Nutzen nicht mehr zum Tragen kommt.
- Doppelverordnungen und Mittel gegen Nebenwirkungen anderer Mittel (prescribing cascade auflösen).
Eine systematische Übersicht fand, dass geplantes Absetzen bei älteren Menschen die Sterblichkeit nicht erhöht — bei einzelnen Wirkstoffgruppen (v. a. Psychopharmaka) verbesserten sich Sturzrate und geistige Wachheit sogar.
Deprescribing im Alter — Evidenz
- Strukturiertes Deprescribing (Gesamtmortalität)gemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Systematische Übersicht: kein Anstieg der Sterblichkeit bei geplantem, begleitetem Absetzen.
- Absetzen von Benzodiazepinen/Z-Substanzen im Altergemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Weniger Stürze, bessere Kognition; Ausschleichen über Wochen nötig.
- Medikationsanalyse durch Apotheke/Hausarztgemischte EvidenzEvidenz: gemischt
Deckt Doppelungen, Wechselwirkungen und ungeeignete Wirkstoffe auf.
- Eigenmächtiges Absetzen ohne Plandünne EvidenzEvidenz: dünn
Riskant — Entzugs- und Rebound-Effekte, Wiederauftreten der Grunderkrankung.
Wie Deprescribing abläuft
- Gesamtliste erstellen: alle Medikamente inklusive rezeptfreier Mittel und Nahrungsergänzung auf einen Zettel (der „Brown-Bag-Check“: alles in einer Tüte zum Termin mitbringen).
- Pro Mittel fragen: Warum wurde es angesetzt? Gilt der Grund noch? Überwiegt der Nutzen für diese Person heute noch das Risiko? Gibt es eine sicherere Alternative?
- Priorisieren: mit dem Mittel beginnen, das den geringsten Nutzen oder das höchste Risiko hat. Nur eine Änderung auf einmal, damit Effekte zuzuordnen sind.
- Ausschleichen statt abrupt stoppen bei allem, was Entzug oder Rebound machen kann (Beruhigungsmittel, PPI, Betablocker, bestimmte Antidepressiva, Cortison).
- Verlauf kontrollieren: Termin nach 2–4 Wochen — Beschwerden, Blutdruck, Blutzucker, Befinden. Bei Bedarf zurück zur alten Dosis, ohne dass das ein Scheitern ist.
Die Hausarztpraxis ist der richtige Ort dafür, weil sie die Gesamtsituation kennt. Auch die Apotheke bietet eine strukturierte Medikationsanalyse an. Angehörige können helfen, indem sie die vollständige Liste zusammentragen und beim Termin dabei sind.
Was man nie allein absetzt
Bestimmte Medikamente niemals eigenmächtig weglassen — hier kann ein abrupter Stopp gefährlich sein:
- Betablocker und viele andere Herz-Kreislauf-Mittel (Rebound mit Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg, Angina)
- Blutverdünner (Thrombose-, Schlaganfall-, Infarktrisiko)
- Cortison nach längerer Einnahme (Nebennierenkrise)
- Antiepileptika (Krampfanfälle)
- Antidepressiva und Beruhigungsmittel (Entzugssymptome)
- Parkinson-Medikamente, Schilddrüsenhormone, Insulin und blutzuckersenkende Mittel
Der Wunsch, weniger Tabletten zu nehmen, ist berechtigt und gut. Der Weg dahin führt über ein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt — mit vollständiger Liste, Plan und Kontrolle.
Mitnehmen
- 01Ab fünf Dauermedikamenten steigen Nebenwirkungs-, Wechselwirkungs-, Sturz- und Klinikrisiko deutlich.
- 02Deprescribing ist das geplante, ärztlich begleitete Absetzen von Mitteln ohne überwiegenden Nutzen.
- 03Häufige Kandidaten: Schlaf-/Beruhigungsmittel, überflüssige PPI, doppelte Blutdruckmittel, manche Präventionsmittel.
- 04Studien zeigen: strukturiertes Deprescribing bei Älteren erhöht die Sterblichkeit nicht.
- 05Betablocker, Blutverdünner, Cortison, Antiepileptika, Antidepressiva u. a. niemals eigenmächtig absetzen.
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Belege & Studien
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- 01Scott IA et al. Reducing inappropriate polypharmacy: the process of deprescribing. JAMA Intern Med. 2015. PubMed ↗
- 02Page AT et al. The feasibility and effect of deprescribing in older adults on mortality and health: a systematic review and meta-analysis. Br J Clin Pharmacol. 2016. PubMed ↗
- 03PRISCUS-Liste (potenziell inadäquate Medikation für ältere Menschen in Deutschland); DEGAM-Leitlinie Multimedikation.