Zum Inhalt springen
Mann·Vitalis

Themenwelt · Testosteron

Testosteronmangel und Haarausfall: der Zusammenhang ist umgekehrt

Der Glattkopf gilt als Zeichen von „viel Testosteron“, dünnes Haar als Zeichen von Mangel — beides stimmt so nicht. Der androgenetische Haarausfall hängt an der Empfindlichkeit der Haarwurzeln, nicht am Spiegel.

Redaktion mann-vitalisAktualisiert 25.09.20263 Quellenca. 7 Min.Merkzettel
Schriftgröße
Mann betrachtet seinen Haaransatz im Spiegel
Foto: Unsplash
Inhalt dieses Artikels ▾

Passender Check

Testosteron-Selbsttest (AMS)

Die Aging-Males-Symptoms-Skala: 17 Beschwerden einordnen und sehen, wie hoch die Symptomlast ist. Kein Hormontest.

Jetzt testen

Kostenloser Ratgeber

Testosteron: Mangel oder Alter?PDF · 11 Seiten
HerunterladenAlle Beiträge zu Testosteron
In 30
Sekunden

Erblicher Haarausfall am Kopf entsteht durch die Wirkung von DHT (einem Testosteron-Abkömmling) an genetisch empfindlichen Haarwurzeln — nicht durch einen niedrigen Spiegel. Ein Testosteronmangel macht eher Körper- und Barthaar dünner. Diffuser Ausfall über den ganzen Kopf hat meist andere Ursachen.

Rund um Testosteron und Haare kursieren zwei gegensätzliche Halbwahrheiten: „Glatze = viel Testosteron“ und „dünnes Haar = Testosteronmangel“. Beide treffen den Mechanismus nicht. Der häufigste Haarausfall beim Mann hängt nicht an der Menge des Hormons, sondern daran, wie die Haarwurzeln darauf reagieren.

Wie der häufigste Haarausfall wirklich entsteht

Der androgenetische Haarausfall — Geheimratsecken, dann lichter Wirbel — betrifft mit den Jahren die Mehrheit der Männer. Auslöser ist nicht das Testosteron selbst, sondern sein wirksamerer Abkömmling Dihydrotestosteron (DHT), das in der Kopfhaut durch das Enzym 5-Alpha-Reduktase entsteht. An genetisch empfindlichen Haarwurzeln verkürzt DHT über die Jahre die Wachstumsphase; die Haare werden mit jedem Zyklus feiner, kürzer und heller, bis die Wurzel schließlich keine sichtbaren Haare mehr bildet. Entscheidend ist also die Empfindlichkeit der Wurzeln, die man erbt — nicht der Hormonspiegel im Blut. Dass DHT der Treiber ist, zeigt die Behandlung: Ein 5-Alpha-Reduktase-Hemmer, der die DHT-Bildung senkt, stoppt bei vielen Männern das Fortschreiten (Rossi et al., 2008).

Warum „Glatze = viel Testosteron“ nicht stimmt

Männer mit ausgeprägter Glatze haben im Durchschnitt keine höheren Testosteronwerte als Männer mit vollem Haar. Was zählt, ist die lokale DHT-Wirkung an den Wurzeln plus die vererbte Empfindlichkeit. Umgekehrt gilt: Ein niedriger Testosteronspiegel schützt nicht vor erblichem Haarausfall, solange überhaupt Androgene vorhanden sind. Der einzige historische „Beweis“ für eine Hormonbeteiligung ist, dass Männer, die vor der Pubertät kastriert wurden, keine typische Glatze entwickeln — ein völliger Androgenmangel also. Das ist aber ein Extremfall, der mit der Frage „habe ich vielleicht etwas zu wenig Testosteron?“ nichts zu tun hat.

Das folgende Schema zeigt den Weg vom Testosteron bis zur Haarwurzel.

Wie erblicher Haarausfall entsteht

Nicht die Menge des Testosterons entscheidet, sondern die vererbte Empfindlichkeit der Haarwurzeln für DHT.

  1. 1Testosteronim Blut, bei Betroffenen meist normal hoch
  2. 25-Alpha-ReduktaseEnzym in der Kopfhaut
  3. 3DHTwirksamerer Abkömmling, bindet an die Haarwurzel
  4. 4Miniaturisierungnur an genetisch empfindlichen Wurzeln: Haare werden feiner, kürzer, heller

Deshalb schützt ein niedriger Testosteronspiegel nicht vor Geheimratsecken, und Männer mit Glatze haben im Schnitt keine höheren Werte. Ein 5-Alpha-Reduktase-Hemmer bremst den Prozess, weil er die DHT-Bildung senkt.

Schema · mann-vitalis

Der Haarzyklus — und was DHT daran verändert

Jedes Kopfhaar durchläuft immer wieder drei Phasen: eine mehrjährige Wachstumsphase (Anagen), eine kurze Übergangsphase und eine mehrmonatige Ruhephase (Telogen), an deren Ende das Haar ausfällt und ein neues nachwächst. Normal sind rund 80 bis 100 verlorene Haare pro Tag. Beim androgenetischen Haarausfall verkürzt DHT die Wachstumsphase Zyklus für Zyklus. Die Wurzel miniaturisiert: Der Haarschaft wird mit jeder Runde dünner, kürzer und heller, bis nur noch ein kaum sichtbarer Flaum bleibt. Das erklärt, warum der Prozess schleichend über Jahre läuft und warum er sich früh vor allem als „das Haar wird feiner“ bemerkbar macht, noch bevor echte kahle Stellen entstehen.

Wichtig für die Einordnung: Die Kopfhaut ist nicht überall gleich empfindlich. Die Haare am Hinterkopf sind gegen DHT weitgehend unempfindlich — deshalb bleibt dort der Kranz stehen und deshalb funktioniert eine Haartransplantation. Geheimratsecken und Wirbel sind die typisch empfindlichen Zonen. Wo genau und wie schnell es zurückgeht, ist vor allem vererbt, teils über die mütterliche wie die väterliche Linie.

Haarausfall-Muster und ihre Ursachen

  • Geheimratsecken + lichter Wirbel (androgenetisch)starke EvidenzEvidenz: belastbar

    DHT-Wirkung an vererbt empfindlichen Haarwurzeln. Testosteronspiegel im Blut spielt praktisch keine Rolle; 5-Alpha-Reduktase-Hemmer bremsen das Fortschreiten (Rossi et al., 2008, PubMed).

  • Dünneres Bart- und Körperhaargemischte EvidenzEvidenz: gemischt

    Kann bei ausgeprägtem Testosteronmangel auftreten, weil Androgene das Wachstum dieser Haare fördern — betrifft aber nicht die Kopf-Geheimratsecken.

  • Diffuser Haarausfall über den ganzen Kopfstarke EvidenzEvidenz: belastbar

    Spricht gegen eine hormonelle Ursache: typischer für Eisenmangel, Schilddrüsenstörung, fieberhaften Infekt, Crash-Diät, Medikamente oder starken Stress (telogenes Effluvium).

Was ein Testosteronmangel mit den Haaren macht

Bei einem echten, ausgeprägten Mangel wird vor allem die androgen­abhängige Körperbehaarung dünner: Bart, Brust, Achseln, Schambereich. Das Kopfhaar an den typischen Glatzenzonen ist davon nicht betroffen — im Gegenteil, wer sehr wenig Androgene hat, ist vor erblichem Haarausfall eher geschützt. Wenn du also an den Geheimratsecken zurückgehst, ist das kein Hinweis auf zu wenig Testosteron und kein Grund für einen Hormontest. Kommen aber zusätzlich nachlassendes Verlangen, schwächere Morgenerektionen, Muskel- und Antriebsverlust dazu, ist eine Abklärung sinnvoll — dann wegen dieser Symptome, nicht wegen der Haare.

Wann Haarausfall abgeklärt gehört

  • Diffus über den ganzen Kopf, mit vermehrtem Haarverlust beim Waschen und Kämmen — Blutbild, Ferritin, TSH prüfen lassen; an Medikamente und eine Erkrankung in den letzten drei Monaten denken.
  • Kreisrunde, scharf begrenzte kahle Stellen — das ist Alopecia areata, eine eigene Erkrankung; zum Hautarzt.
  • Mit Juckreiz, Schuppung, Rötung oder Narben — dermatologische Abklärung.

Was beim erblichen Haarausfall tatsächlich hilft

Wenn es um die Geheimratsecken geht, wirken zwei Mittel mit guter Studienlage: Minoxidil (Lösung oder Schaum auf die Kopfhaut, zweimal täglich) und Finasterid (verschreibungspflichtige Tablette, senkt die DHT-Bildung). Beides bremst den Verlust und kann Haare zurückbringen, wirkt aber nur, solange man es anwendet — nach dem Absetzen holt der Prozess das Versäumte innerhalb von Monaten nach. Je früher man beginnt, desto mehr lässt sich erhalten; nachwachsen lassen sich vor allem miniaturisierte, noch nicht endgültig verlorene Haare. Finasterid ist ein Arzneimittel mit möglichen Nebenwirkungen (u. a. selten sexuelle Funktionsstörungen) und gehört ärztlich besprochen; wir vermitteln es nicht und verlinken keine Bezugsquellen.

Nahrungsergänzungen „gegen Haarausfall“ haben dagegen keine überzeugenden Belege, solange kein echter Nährstoffmangel vorliegt. Sinnvoll ist ein Blutcheck von Ferritin, Vitamin D, Zink und TSH, wenn der Ausfall diffus ist oder rasch begonnen hat — ein nachgewiesenes Defizit auszugleichen bringt dann etwas, eine „Haar-Vitamin“-Kur ohne Mangel nicht. Ein Testosteronpräparat ist beim Haarausfall weder sinnvoll noch zugelassen: Es würde bei entsprechender Veranlagung die DHT-Belastung der Wurzeln eher erhöhen und den erblichen Ausfall beschleunigen. Wenn du an den Geheimratsecken zurückgehst und keine Mangel-Symptome hast, ist das kein Grund für einen Testosterontest — der AMS-Selbsttest in der Seitenleiste hilft, das einzuordnen.

Mitnehmen

  • 01Erblicher Haarausfall am Kopf entsteht durch DHT an empfindlichen Wurzeln — nicht durch einen niedrigen Testosteronspiegel.
  • 02Männer mit Glatze haben im Schnitt normale Testosteronwerte; der Spiegel sagt nichts über die Glatzenbildung.
  • 03Ein Mangel lässt eher Bart- und Körperhaar dünner werden, nicht die Geheimratsecken.
  • 04Gleichmäßiger, diffuser Haarausfall gehört auf Eisen, Schilddrüse, Medikamente und Stress abgeklärt.

Unsicher, ob deine Beschwerden dringend sind?

Warnzeichen ansehen

Weiterlesen

Nachgefragt

Häufige Fragen

Belege & Studien

3 anzeigen ▾
  1. 01Rossi A et al. Progression of hair loss in men with androgenetic alopecia (male pattern hair loss): long-term (5-year) controlled study. Eur J Dermatol. 2008. PubMed
  2. 02Wu FCW et al. Identification of late-onset hypogonadism in middle-aged and elderly men (EMAS). N Engl J Med. 2010. PubMed
  3. 03Bhasin S et al. Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018. PubMed